Logbuch SY PANGAEA / Red Sea
 
Port Suez

24.04 - 27.04.2005

 
Ankerumtrunk! Mit Schweizer Bergspitzen-Schokolade (Toblerone) und einem süssen Mangodrink schliessen wir die Längsfahrt durchs Rote Meer ab. Seit Port Aden haben wir 1300 Seemeilen zurückgelegt (Luftlinie 1200sm) und der Motor ist 330 Stunden gelaufen. Wir haben für diese Strecke sage und schreibe 1½ Monate gebraucht. Bei gutem, gleichbleibendem Passatwind von hinten wäre die gleiche Strecke problemlos in 12 bis 14 Tagen zu schaffen…
Für die Fahrt durch den Suezkanal wollen wir unser Schiff aufklarieren. Für diese Arbeiten brauchen wir nicht vor dem Yacht Club zu liegen und pro Tag neun US$ auf den Tisch blättern. In Ermangelung eines Wasserschlauches, schwirrt ein Putzlappen, getränkt in Salzwasser über das ganze Deck. Erstaunlich, wie eine solche Katzenwäsche das Erscheinungsbild unseres Schiffes verändert.
Nach kürzester Zeit sind alle Arbeiten erledigt. Die Vorsegel haben wir von den Vorstagen abgeschlagen und zusammengelegt auf dem Vordeck verstaut. Das Grosssegel ist mit der Persenning zugedeckt und alle Taue liegen sauber geordnet an ihrem Platz.
Es war ein langer Tag und als die Nacht hereinbricht, liegt die gesamte PANGAEA-Crew bereits in den Kojen und schläft friedlich. - "Do you want fish?" Warum nicht, doch bitte nicht um zwei Uhr in der Nacht… Ein kleines Fischerboot schwimmt neben PANGAEA und die drei Gestalten im Innern sehen nicht gerade vertrauenerweckend aus. Mit unserem starken Scheinwerfer beleuchten wir den nächtlichen Fisch-Handels-Platz. Wir geben den Fischern zu verstehen, dass sie um diese Nachtzeit unerwünscht sind. Zum Glück ziehen sie daraufhin schnell davon. Schlaf finden wir nach diesem Besuch nur noch schwierig.
 
Mit dem ersten Tageslicht heben wir den Anker und folgen den Frachtern, die langsam in der Einfahrt zum Kanal verschwinden. Das Tor zum Mittelmeer liegt vor uns. Nahe an den Seezeichen motoren wir in den Suezkanal hinein. Das nächste Ungetüm nähert sich bereits von hinten. Reicht der Platz zwischen ihm und dem Kanalufer auch wirklich aus? Eine Seemeile nach dem Eingang und kurz bevor der Frachter uns einholt, biegen wir links in das Becken vor dem Yacht Club ein. Der blaue Riese pflügt hinter uns durchs Wasser. PANGAEA ist im Vergleich zu ihm winzig. Der Hauptmast unseres Schiffes reicht knapp bis an seine Reeling…
Norbert wartet auf uns und nimmt unsere Leine entgegen. Am Bug und Heck wird je ein Tau an einer Boje festgemacht. Einen Steg gibt es nicht und für den Landgang müssen wir das Dingi bereit machen.
Schon vor Tagen haben wir per Email mit einem der Kanalagenturen Kontakt aufgenommen. Es dauert nicht lange und schon kommt Said, ein Vertreter von FELIX, an Bord. Ihm geben wir alle nötigen Unterlagen für die Kanaldurchfahrt und das Ausklarieren aus Ägypten. Der Agent übernimmt die aufwendige Arbeit mit den Kanalbehörden und allen anderen Ämtern. Wir könnten diese Arbeit auch selber erledigen, doch wären wir damit bestimmt eine, wenn nicht sogar zwei Wochen beschäftigt. Das Geld für einen Agenten ist somit gut angelegt.
Bevor wir die Passage durch den Kanal in Angriff nehmen können, muss unser Schiff durch die Kanalbehörden vermessen werden. Anhand dieser Vermessung wird festgestellt, wie viele Suezkanal-Tonnen unser Schiff wiegt und wieviel wir für die Durchfahrt bezahlen müssen. Said kann uns nicht versprechen, dass die Vermessung noch heute statt findet. Er werde aber alles daran setzen. Üblich sei, dass die Vermessung erst einen Tag nach der Ankunft erfolge.
Wir haben zum Thema Vermessung schon vieles gehört und sie scheint ein Lotteriespiel zu sein. Die Formel ist zwar bekannt, doch es gibt Parameter, die nicht aufgeführt sind: Babybonus, Baksheesh, usw. Warten wir also ab.
Ein riesiges Lotsenboot steuert plötzlich auf uns zu. Der Fahrer hat sein Gefährt im Griff. Ohne auch nur unser Schiff zu berühren, springt der Vermesser auf die PANGAEA und das Lotsenschiff dreht ab. Jetzt wird der Kanalangestellte sicher ein langes Messband zücken und unser Schiff der Länge, Breite und Tiefe nach auf den Millimeter genau vermessen. Wird der mit Blei gefüllte Kiel mitgerechnet? Wo wird das Freibord gemessen? Gehören der Bugkorb und die Badeplattform auch zur Gesamtlänge? Wird der Motorraum abgezogen? Unsere Fragen häufen sich. Der 50 jährige Familienvater setzt sich mit uns an den Salontisch und schaut die Schiffspapiere durch. Er fragt nach einem Messband. Ich reiche ihm eines aus der Nähkiste… Er hebt ein Bodenbrett hoch, um zu sehen, wo der Rumpf aufhört. Lediglich das Mass zwischen Rumpfboden und Kabinendecke misst er ungefähr. Alle anderen Angaben übernimmt er aus den Schiffspapieren. Das eine oder andere Mass rundet er sogar ab. Die Tonnage wird damit sicher kleiner ausfallen, als wir sie im Voraus berechnet haben. Das war nun die ganze Vermessung oder fast: Der Vermesser will wissen, ob wir vielleicht alte elektrische Geräte an Bord hätten, die wir nicht mehr bräuchten…
Alle nötigen Schritte für die Suezkanaldurchfahrt sind eingeleitet und wir dürfen an Land. Wir brauchen dem Agenten als nächstes lediglich zu sagen, wann wir fahren wollen. Unmittelbar vor der Abfahrt werden wir die Rechnung und das Resultat der Vermessung erhalten. Warten wir also ab und vertreiben uns die Zeit mit einem Besuch in der Stadt.
Der Suezkanal ist durch internationale Abkommen für alle Schiffe offen. Die Besatzungen der Frachtschiffe haben natürlich kaum die Möglichkeit an Land zu gehen. Zu gedrängt sind die Fahrpläne der Grossschiffahrt. Aus diesem Grund benötigen die Crewmitglieder kein Visum für Ägypten. Bei uns Yachties sieht das etwas anders aus. Wer das Kanalgelände verlassen will, benötigt ein gültiges Visum. Noch bevor wir den eigentlichen Yachtclub betreten können, kontrolliert ein Sicherheitsbeamter unsere Pässe. Sogar mein Rucksack wird überprüft. Die scheinen es hier sehr genau zu nehmen.
Welche Richtung schlagen wir ein? Gemäss Sicherheitsbeamten müssen wir zuerst gerade aus und dann an der viel befahrenen Strasse rechts abbiegen. So sollten wir in die Stadt gelangen. Wir befolgen die Anweisung. Die Schatten spendenden Bäume und der leichte Wind sind angenehm. Wir entdecken auf unserem Spaziergang immer wieder etwas kurioses: Viereckig geschnittene Bäume mit weiss/blau angemaltem Stamm; ein riesiges Bild vom Schnee bedeckten Matterhorn; einen grossen, herunter gekommenen Park; ein kleines, von Krähen besetztes Minarett und vieles mehr. Doch unsere Beine werden schwer und schwerer. Die Bäume sind verschwunden und das Stadtzentrum weiterhin unendlich weit weg.
Immer wieder hält ein VW-Bus am Strassenrand. Passagiere steigen aus und ein. Die Kleinbusse fahren in Richtung Zentrum. Sie sind die öffentlichen Verkehrsmittel der Stadt. Das nächste Fahrzeug besteigen wir. Die Sitzbänke sind abgenutzt, die Dachisolation fehlt. Durch die offene Schiebetür dringt der Strassenlärm ins Innere. Der Verkehr nimmt zu. Kleine Läden säumen die breite Strasse auf beiden Seiten. Überall sind Menschen zu sehen. Bei der nächsten Strassenkreuzung steigen wir aus und bezahlen den geringen Fahrpreis von 30 Piaster pro Person.
Unsere drei blonden Mädels stehen noch nicht richtig auf der Strasse und schon werden sie von allen Seiten angefasst. Sina bekommt aus diesem Grund einen Platz im Tragtuch. Auf dem Rücken von Susan wird sie vor den neugierigen Händen sicher sein. Wir entfernen uns von der Hauptstrasse und biegen in die schmalen Seitengassen ein. Ein Laden reiht sich an den nächsten. Geschäfte mit gleichem Angebot haben sich geographisch zusammengefunden. Wir befinden uns zur Zeit im Schuhviertel. Ein Auto kommt den Weg entlang geschossen. Vor der nächsten Kreuzung ertönt lautstark seine Hupe und ohne die Geschwindigkeit stark zu reduzieren, braust das Fahrzeug um die Ecke. Vortritt hat hier der Verkehrsteilnehmer mit der lautesten Hupe... Doch nicht nur Benzin betriebene Transportmittel finden in dieser Stadt Anwendung, sondern auch Eselkarren und die ulkigsten Fahrrad-Transporter gehören zum Stadtbild.
Der Duft von frisch gebackenem Brot steigt uns in die Nase. Wir rechnen damit auf eine der üblichen Fladenbrot-Bäckereien zu stossen. Doch wir irren uns. Die unterschiedlichsten Brötchen und Gebäcke liegen einladend auf einem Gestell. Wir können nicht widerstehen und erstehen eine ganze Tüte voller Leckereien. Jetzt gemütlich auf einer Parkbank sitzen und die Köstlichkeiten geniessen, das wär's. Also suchen wir uns ein hübsches Plätzchen. Hier, mitten in der Stadt, scheint es solche Oasen der Ruhe nicht zu geben. Einen Park, geschweige denn eine Parkbank suchen wir vergeblich. Wir brauchen eine Pause und setzen uns auf die Treppenstufe vor einem geschlossenen Geschäft. Die einheimischen Passanten werfen uns verstohlene Blicke zu. Wir lassen uns nicht stören und geniessen die erstandenen Brötchen und Minikuchen.
Auf einen grossen Supermarkt stossen wir nirgends. Alle Produkte sind in kleinen Länden zu finden: Metzgereien, Bäckereien, Gemüse- und Früchteläden und auch viele Geschäfte mit westlicher Kleidung und Glamourartikeln. Die CocaCola Werbung begleitet uns auf Schritt und Tritt.
Die Aufdringlichkeit der Ladenbesitzer stösst uns immer mehr ab. Unsere Kinder, sogar Sina auf dem Rücken von Susan, werden immer wieder belästigt und angefasst. Bsbsbsbs! Sehen wir aus wie eine Familie Katzen oder ist das hier die Art und Weite, wie man Besucher auf sich aufmerksam macht? Männer wie Frauen verhalten sich so. Wir reagieren auf solche Geräusche nicht mehr und lassen die Verursacher einfach stehen.
Es ist spannend durch die Gassen zu schlendern, die unterschiedlichsten, fremdartigen Gerüche zu riechen und hinter jeder Strassenkreuzung auf etwas Neues, Unbekanntes zu stossen. Auffallend ist der schlechte Bauzustand vieler Gebäude.
Nach der Öffnung des Suezkanals 1859 gewann die Stadt schnell an Bedeutung. Bei den Gefechten Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre zwischen ägyptischen und israelischen Streitkräften, wurde die Stadt praktisch vollständig zerstört. Nachdem Ägypten 1973 den Suezkanal wieder eröffnet hatte, wurde mit dem Wiederaufbau begonnen. Viele baufällige Gebäude, stammen noch auch dieser Zeit zu stammen.
Einer der vielen Taxi-Busse bringt uns wohlbehalten zurück in die Nähe des Yachtclubs. Unsere müden Beine brauchen eine Ruhepause auf der PANGAEA. Majestätisch gleiten die Ozeanriesen hinter den friedlich schaukelnden Segelschiffen in Richtung Rotes Meer. Sie haben den Suezkanal hinter sich und sind wieder frei in ihrer Fahrt. Wo werden sie als nächstes die Leinen fest machen? Indien, Malediven, Singapur, China, Japan oder sogar Australien?
 
"Do you want fish?" - nein, dieses Mal war es nur ein Traum. Nichts stört unseren Schlaf in dieser Nacht. Ausgeschlafen geniessen wir das Frühstück im Cockpit. Einen solchen Logenplatz bekommt man nicht alle Tage. Der Morgenkonvoi der Grossschiffe startet in den Norden. In kurzen Abständen folgen sich die Schiffe. Sie werden nicht etwa geschleppt, sondern fahren mit eigener Kraft durch den Kanal. Für ihre Verhältnisse sehr gemächlich mit etwa 10 Knoten. Auf dem offenen Wasser sind sie meistens mit über 20 Knoten unterwegs.
Wir bestellen bei FELIX unsere Passage für den nächsten Tag und fordern Said auf, am Nachmittag zu uns an Bord zu kommen, um die Bezahlung zu erledigen. Wir wollen das Abrechnen nicht erst Minuten vor der Abfahrt erledigen. Dann hätte man nämlich keine Chance mehr zu reklamieren. Er verspricht uns, am halb Vier an Bord zu sein.
Wir haben damit Zeit, noch einmal die Gassen von Suez zu durchstöbern. Ingrid und Norbert begleiten uns. Die Geschäftigkeit im Zentrum hat sich in keiner Weise gelegt. Sina nehme ich dieses Mal zu mir ins Tragtuch. Nicht auf den Rücken, sondern auf die Seite. Sollte jetzt wirklich jemand auf die Idee kommen die kleine Dame zu betatschen, gibt's eins auf die Finger. Anina und Noemi suchen sich Norbert als Begleiter aus.
Praktisch jeder Geschäftsinhaber versucht uns ins Innere seines Ladens zu lotsen. Ich lasse mich nicht darauf ein und beschränke mich auf das Betrachten der Auslage von der Strasse aus. Norbert und Ingrid lassen sich auf eine Aufforderung ein und betreten eines der Geschäftslokale. Sogleich werden sie von drei, vier Verkäufern belagert. Betrachten sie einen Gegenstand einen Augenblick länger als normal, wird dessen Vorzüge und vor allem der Preis angepriesen. Als ihnen sogar eine Cola angeboten wird, verlassen sie fluchtartig das Geschäft…
Wir wagen uns in ein Schuhgeschäft. Noemi benötigt dringend neue Sandalen und für ihre schmalen Füsse ist es nicht einfach, passende Schuhe zu finden. Auch wir werden sofort belagert. Der Verkäufer erklärt uns die Vorzüge von jedem vorgeführten Paar und versichert uns, dass Noemi mit Sicherheit in die viel zu grossen Schuhe hinein wachsen werde und sich die Bequemlichkeit dann einstellen wird. Er will partout nicht verstehen, dass ihr die Schuhe jetzt passen und bequem sein müssen. Nach dem fünften Paar geben wir auf, nicht aber der Verkäufer. Beteuerungen unsererseits, dass keines der vorgeführten Schuhpaare passt, stossen auf taube Ohren. Es gibt nur eine Möglichkeit: Wir packen unsere Sachen und lassen den Verkäufer stehen. So verlassen wir in unserem Kulturkreis ein Geschäft nur, wenn wir verärgert sind.
Das feine Gebäck vom Vortag hat bleibende Spuren hinterlassen und trotz dem Gewirr von Gassen stehen wir plötzlich und völlig unverhofft vor der gleichen Bäckerei. Zufälle gibt es… Dieses mal leert sich die Tüte schon unterwegs.
Wir versuchen unser Glück in einem anderen Schuhgeschäft. Nach vielen durchprobierten Sandalen passt tatsächlich ein Paar. Der Verkäufer und vor allem Noemi sind glücklich. Die Preisverhandlungen enden vielversprechend und bezahlt wird in der Weltwährung US$. Die alten Sandalen landen im Rucksack und die Neuen dürfen sogleich die staubigen Gassen von Suez erkunden.
Die Speicherkarte unserer Digitalkamera füllt sich schnell bei den vielen interessanten Sujets. Doch von einem Bild auf das Nächste zeigt unser Apparat komische Farben im Display an und das Bild ist verschwommen. Fehlersuche beginnt: Batterien? Speicherkarte defekt? Autofokus kaputt? Alles wird getestet und versucht. Nichts hilft. Die bereits gespeicherten Bilder werden auf dem Display tadellos dargestellt. Nur das Bild, welches gerade durch das Objektiv aufgezeichnet wird, lässt nichts natürliches mehr erkennen. Einzige Möglichkeit: Der Bildwandler (der elektronische Film in der Kamera) ist kaputt. Mit Bordmitteln ist so ein Fehler nicht mehr zu beheben.
Die Fahrt durch den Suezkanal ohne Kamera? Das kann es nicht sein. Zum Glück funktioniert unsere alte Digitalkamera, welche wir jeweils im Unterwassergehäuse verwenden, immer noch einigermassen. Lediglich der Autofokus und das Auslösen funktioniert nicht immer auf Anhieb. Hoffentlich hält diese Kamera bis zum Schluss unserer Reise durch.
Wir wollen unseren Agenten nicht warten lassen und gemäss seinen Angaben sollte heute Nachmittag auch der Diesel geliefert werden. Die Einrichtung mit den Kleinbussen ist ein gelungene Sache, obwohl heute alle bis auf den letzten Platz belegt sind und wir eine ganze Weile warten müssen, bis ein halb leeres Fahrzeug neben uns hält.
Pünktlichkeit scheint in Ägypten ein Fremdwort zu sein. Der für den Nachmittag versprochene Diesel wird erst bei Anbruch der Dunkelheit in schmutzigen und öligen Kanistern ans Schiff gebracht. Kurze Zeit später, ich bin gerade damit beschäftigt den Treibstoff in unsere Kanister umzufüllen, erscheint Magni, ein weiterer Mitarbeiter von FELIX. Für seine über vier stündige Verspätung hat er keine Entschuldigung übrig.
Ohne irgendwelche Rechnung oder Quittung eröffnet er uns den Betrag, den wir ihm zu bezahlen hätten. Die von den Kanalbehörden errechnete Tonnage holt er aus dem Speicher seines Handys. Wir bitten ihn, die einzelnen Punkte auf einem Blatt Papier aufzulisten und dieses Papier zu unterschreiben. Widerwillig schreibt er auf:
 
-
agent fees:
70
  US$
-
port clerance:
30
  US$
-
marina 2 nights:
18
  US$
-
Suez Canal tonnage 19.3t:
145
  US$
-
diesel 100lt:
50
  US$
-
total:
313
US$
 
Nach den vom Vermesser notierten Massen sollte sich unsere Kanaltonnage auf 17 Tonnen belaufen. Diese hat übrigens nichts mit dem Gewicht eines Schiffes zu tun. Unsere PANGAEA bringt nämlich nur knappe 13 Tonnen auf die Waage… Warum ist der Betrag nun plötzlich noch höher? Auf diesen Unterschied angesprochen meint Magni lediglich: Was sind schon zwei Tonnen. Wir sollen nicht so kleinlich sein. Wenn wir es unbedingt wollen, könne das Schiff selbstverständlich erneut vermessen werden.
Er weiss ganz genau, dass wir das nicht wollen. Eine erneute Vermessung würde mit Sicherheit einen höheren Wert ergeben und er weiss, dass die Vermessung Zeit braucht und wir weiter wollen. Ach ja, und wir seien die Ersten, die wegen zwei Tonnen einen solchen Wirbel machten.
Ist das nun Ägyptische Art und Weise Geschäfte zu machen? Wenigstens bequemte sich Magni zu uns ins Cockpit, um uns die "Rechnung" zu präsentieren. Bei der HARLEKIN blieb er in seinem Ruderboot und das ganze Geschäft wurde im Dunkeln über die Reeling abgewickelt…
 
Unser Schiff ist für die Passage bereit. Wir rätseln immer noch, ob wir nun einen Lotsen an Bord haben werden oder nicht. Die letzte Gruppe von Segelschiffen hatte nämlich bei fünf Schiffen nur gerade einen Lotsen dabei. Ich hätte überhaupt nichts dagegen, wenn wir keinen "Gast" an Bord hätten.
Kalka, der Yachtclub Angestellte, hat den Narren an unseren Mädels gefressen und bringt ihnen tatsächlich in seinem Ruderboot ein Glace vorbei. Er versichert uns, dass wir in einer Stunde losfahren werden. Uns fehlt aber noch ein wichtiges Papier: Das Ausklarierungspapier aus Ägypten. Dieses Schriftstück wollte uns Magni am Vorabend nicht aushändigen. Norbert und ich suchen deshalb unseren Agenten an Land auf.
"Warship in the canal. No passage today!" Mit diesen Worten werden wir von ihm begrüsst. Das kann nicht sein. Amerikanische und Britische Kriegsschiffe nehmen sich das Recht heraus, den Suezkanal uneingeschränkt und mit absoluter Priorität befahren zu können. Befindet sich ein solches Schiff im Kanal, dürfen keine Fischerboote und Yachten passieren. Schade, wir haben uns so auf die Weiterfahrt gefreut.
Diesen Umstand können wir nicht ändern und wenden uns alltäglichen Arbeiten zu. Wir sitzen gerade gemütlich beim Mittagessen im Cockpit, als alle Schiffe auf Platz von FELIX aufgerufen werden. Die neuste Regelung der Kanalbehörden wird bekannt gegeben: Nur einem Konvoi von 15 und mehr Yachten ist ab sofort die Durchfahrt durch den Kanal erlaubt… Wir werden aufgefordert, ein Schriftstück aufzusetzen, welches diese Regelung als inakzeptabel hinstellt.
Keine halbe Stunde später treffen sich alle Skipper an Land und gemeinsam mit FELIX und PRINCE OF THE RED SEA fahren wir bei den Kanalbehörden vorbei. Wie unartige Schuljungen, die beim Rektor auf die Zurechtweisung warten, sitzen wir nun dem obersten Manager auf einer Couch gegenüber. Heftig wird zwischen Agenten und Beamten auf arabisch diskutiert und unsere Schreiben werden überreicht. Der Manager würdigt die Schriftstücke mit keinem Blick. Auf englisch versichert er uns immer wieder, dass wir morgen durch den Kanal fahren werden. Von der Regelung "mindestens 15 Schiffe" will er gar nichts wissen. Im Gegenteil, er versichert uns, dass wir keinen Lotsen an Bord haben werden und uns dafür ein Lotsenboot begleiten wird. Der Sturm im Wasserglas ist ausgestanden und den anwesenden Seglern wird eine Erfrischung in Form von Tee, Kaffee oder Limonade angeboten… Der nächste Tag wird zeigen, was für neue Regelungen proklamiert werden.
Susan schliesst sich zusammen mit Sina am späten Nachmittag den deutschen Seglerfrauen an und fährt noch einmal in die Stadt. Erst nach 15 Uhr öffnen die Läden nach einer längeren Pause wieder. Ich versuche neben Anina, Noemi und Luca an Bord ein neues Aktuell zu schreiben. Die drei Girls brauchen aber dringend Bewegung und so paddle ich mit ihnen an Land. Einige der Spielgeräte auf dem Yachtclub Spielplatz sind noch einigermassen brauchbar. Bei vielen ist das Eisen aber schon sehr stark angerostet und auch sonst wird der Spielplatz kaum gepflegt und unterhalten. Er ist ganz im Besitz einer aufdringlichen Krähenschar. Diese grossen Vögel hinterlassen auf jeder Schaukel und jeder Rutschbahn ihre Kotspuren. Ich werde von Kalka sogar gewarnt, dass die Vögel die Kinder angreifen könnten… Also lassen wir die Jungschaft nicht aus den Augen.
Plötzlich steht Kalka mit einem riesigen Teller Maccaroni bei mir. Die Kinder hätten sicher Hunger! Wir setzen uns an einen kleinen überdachten Tisch beim Wasser. Alle greifen mächtig zu. Die Krähenschar hat ihren Aufenthaltsort schlagartig verlagert. Die Vögel sitzen auf den benachbarten Stuhllehnen, auf dem Geländer und auf dem Dach. Die Tiere sind so aufdringlich, dass sie sogar versuchen auf unserem Tisch zu landen. Als wir den Tisch verlassen, stürzen sie sich auf die am Boden liegenden Überreste.
Ich verfolge die aus dem Kanal ausfahrenden Frachtschiffe. Gebannt warte ich auf das Kriegsschiff, das am Morgen in Port Said in den Kanal gefahren ist. Leider bekomme ich es nicht zu Gesicht. Es ist wahrscheinlich für meine Augen zu gut getarnt.
 
Der neue Tag beginnt vielversprechend. Wir erhalten an Land unsere Ausklarierungspapiere und niemand erwähnt ein mögliches Kriegsschiff. Wir sollen auf dem Funk standby bleiben, um zu erfahren, wann das Lotsenboot bereit sei. Alle Zeichen stehen auf grün. Wir lösen unsere Leine zur Heckboje und warten ab.
 
© Susan & Christoph Manhart, SY PANGAEA